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Mit den kursiven Schnitten ist die �Cast� komplett

Die Schrift Cast mit den gerade stehenden Schnitten wurde im Publisher in der ­Ausgabe 5/2011 vorgestellt. Nun hat der Schweizer Typograf Dominique Kerber die Kursiven nachgelegt.

Ralf Turtschi[Light] Die Cast ist ein «unaufgeregt» gestalteter Font, der sich seinen Platz unter den «Klassikern» verdient hat. Kerber hat die sechs Strichstärken Light, Regular, Medium, Bold, Heavy und Black nun mit echten Kursiven ergänzt. Die Einzelschnitte sind mit 478 Glyphen ausgestattet, sie decken einen Spracheinsatz für die west- und osteuropäischen Sprachen ab (Latin Extended-A).

Die kursiven Schnitte sind exakt in der gleichen Breite gehalten wie die aufrechten, sie sind rund 10 Grad geneigt. Die Strichstärke der Kursiven ist, waagrecht gemessen, genau gleich wie bei der Aufrechten. Damit fällt die Grauwirkung etwas feiner aus.

Elektronisch schräg stellen?

Wenn Glyphen bei der Schrägstellung um 10–12% geneigt werden, ohne die Zeichen zu verändern, nennt man dies «elektronisches Schrägstellen», oder «unechte Kursive». Solches Tun führt bei gestandenen Typografen zu Naserümpfen, nicht ohne Grund. Seit Schriften digital gezeichnet und für die Strichstärken interpoliert werden, ist der Aufwand geschrumpft, sodass heute bei gut ausgebauten Fonts der gezeichnete kursive Schriftschnitt selbstverständlich ist.

Warum braucht es kursive Schnitte?

Längst nicht alle Fonts haben Kursivschnitte, zum Beispiel gibt es gebrochene Schriften oder Handschriften in nur einer Ausführung. Anfang des 15. Jahrhunderts entwickelten die Italiener als Gegenentwurf zu den starren Buchstaben der humanistischen Minuskel eine Schreibschrift, die sich in päpstlichen Kanzleien wesentlich schneller schreiben liess. Deswegen wurde und wird diese Schriftart auch unter dem Gattungsnamen Cancelleresca geführt. Die Bezeichnung kursiv stammt vom lateinischen currere für laufen, rennen. Die Schräglage sowie Buchstabenübergänge sorgten für Tempo. Eines der Merkmale war das kleine geschlossene a mit dem grossen Bauch anstelle des gerade stehenden a.

Heute wird gerade oder schräg gleich schnell «geschrieben». Der kursive Schnitt gibt dem Anwender aber differenzierte Möglichkeiten, der Sprache Ausdruck zu verleihen, und er ist deshalb bei den meisten Schriften beibehalten worden. So sind Betonungen (Auszeichnungen) möglich, ohne die Grauwirkung des Satzbildes zu verändern. Der Leser erfährt die Betonung erst beim Lesen und nicht schon beim Überfliegen. In Zeitungen und Magazinen sind Kursive beliebte Variationen für die Titelgestaltung.

Eine Kursive harmoniert gestalterisch mit der Geradestehenden und kann daher bedenkenlos mit ihr gemischt werden. Die Kursiven haben einen dynamischeren Look als die statischen Buchstaben der Aufrechten. Bei der Cast sind gewisse Buchstaben deutlich anders gezeichnet, etwa das a mit dem runden Bauch, f mit der Unterlänge und e mit dem runden Duktus. Auch bei k, K, R, Q und & sind solche Unterschiede auszumachen. [Light] Die Einkerbungen bei den Serifenansätzen sind deutlich grösser und geschwungen, ebenso unterscheiden sich die Bogenansätze bei den runden Buchstaben a, n, m oder u. Letztlich sind es genau solche Details, die eine Kursive beschwingter machen. [Heavy] Zwischen der 10 Grad geneigten Aufrechten und der echten Kursiven besteht ein sichtbarer Unterschied. Die elektronisch Geneigten wirken wesentlich steifer. Bei der Kursiven sind es die lebendigen Formen und vor allem die Häufigkeit der Buchstaben a und e, die das Satzbild verändern.

Details

Als OpenType-Features gibt Kerber seiner Cast Brüche auf den Weg, die Standardligaturen ff, ffi und ffl, Klammern für Gemeine und Versalien sowie Tabellen- und Proportionalziffern. Das schwierigste Zeichen überhaupt ist das «mehrstöckige» @, welches sich perfekt einfügt und nicht auf der Grundlinie steht!

Die mathematischen Zeichen Pluszeichen, Minuszeichen und Malzeichen stehen aufrecht, Bindestrich, Halbgeviertstrich, Geviertstrich, Underscore sind hingegen geneigt. Ich persönlich würde die einheitliche Neigung bevorzugen. Bei der Strich­stärkenzunahme von Light zu Black folgt Kerber den Aufrechten: Die Zunahme ist nicht linear, sondern progressiv. Die Stärken sind hier im Grundtext zum Vergleich für die Leserlichkeit eingesetzt und entsprechend gekennzeichnet. Als Grundtext empfehle ich Light und Regular, allenfalls noch die Medium.

Fazit

Eignet sich die Cast als universelle Schrift, die auf Packungsbeilagen, als Lesetext in Medien, auf dem Screen, in der Signaletik und auf Plakaten eingesetzt werden kann? Mit entsprechender Laufweitenveränderung darf die Frage mit Ja beantwortet werden. Der Grundtext hier ist in InDesign wie folgt gesetzt: 9,5 Punkt, Zeilenabstand 11 Punkt, Laufweite +5 Einheiten.

Die Cast sehe ich durchaus als Ersatzschrift für die in die Jahre gekommenen Arial, Helvetica, Frutiger, Univers und Co. Sie erfüllt moderne Kriterien an die Formgestaltung, deswegen sei es ihr gegönnt, als «neuer Klassiker» den Weg zu den Anwendern zu finden. Die Prüfung eines neuen Corporate Font sei auch Unternehmen ans Herz gelegt, die in der Bürokommunikation einen frischen Wind benötigen.

Finanziell steht ihrem Einsatz nichts im Weg. Die Cast in 12 Schriftschnitten ist bei www.myfonts.ch für 279 Dollar erhältlich. Zugreifen. ←

Ralf Turtschi ist Inhaber der ­R. TurtschiAG, ­visuelle Kommunikation, 8800 Thalwil. Der ­­Autor ist als Journalist und Fotoreporter für die Gewerbezeitung, unteres linkes Zürichseeufer und Sihltal, unterwegs. Er ist als ­Dozent beim zB. Zentrum Bildung, Baden, tätig, wo er beim Diplomlehrgang Fotografie Fotobuchgestaltung lehrt und an der Höheren Fachschule für Fotografie das ­Studienfach Design unterrichtet. ­Kontakt: agenturtschi.ch, ­turtschi@agenturtschi.ch, Telefon +41 43 388 50 00.